Das Mysterium des Herzens

Mittlerweile wissen wir, dass das Herz viel mehr ist, als eine Pumpe. Mittlerweile habe ich selbst – so wie die Teilnehmer meiner Seminare – manches von diesem „viel mehr“ durch den Yoga des Herzens erfahren. Heute war der letzte Tag meines Seminars im Gutshaus Parin und wir alle sind einfach nur erfüllt im Herzen und tief berührt.  Was wir im Feld unseres Herzens erfahren können, ist unglaublich magisch, kraftvoll und schön. Genau hier sind wir mit unserem Wesenskern und dem ganzen Universum verbunden. Die Mystiker vieler Traditionen wissen schon lange, welche Bedeutung das Herz im menschlichen Leben hat. Der amerikanische Sufi-Lehrer Murshid Samuel L. Lewis sagt dazu:

 „Die Upanishaden sagen, dass es im Herzen einen winzigen Samen gibt, kleiner als das Körnchen im Gerstenkorn, jedoch größer als das Universum. Jene, die das Erwachen des Herzens kennengelernt haben, mögen herausfinden, daß es etwas sehr Winziges innerhalb des Körpers gibt, welches – einmal berührt – der magische Schlüssel ist zu allem im Universum.

Das Mysterium des Herzens geht sehr tief – Schicht um Schicht können wir Größeres entdecken – und wer weiß schon, wo es endet? Vielleicht ist das der Sinn unseres Lebens, das Geheimnis des Herzens und der Liebe zu ergründen.

 

Die Wissenschaft und das Herz

Die Wissenschaft ist in der Regel sehr langsam, dafür aber gründlich. So vieles von dem, was Yogis schon seit tausenden von Jahren wissen, wird jetzt erst wissenschaftlich belegt. Dabei ist es die Aufgabe der Wissenschaft, kleine Dinge aus dem Gesamtsystem „herauszutrennen“ und zu erforschen. Das, was gerade nicht interessiert, wird auch nicht beachtet. Zur Erinnerung: Jahrelang wurden die Faszien bei Forschungen und Sezierungen von Medizinstudenten als Abfallstoffe weggeschmissen. Erst jetzt erkennt man langsam, wie wichtig sie sind. Vielleicht wird man in 100 Jahren über das, was wir heutzutage zu wissen glauben, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Kannst du dir vorstellen, das man bis ins 17. Jahrhundert dachte, die Leber produziere das Blut und es wäre irgendwann aufgebraucht? Seit diese hahnebüchene Theorie widerlegt wurde, ist die allgemeine wissenschaftliche Meinung, das Herz sei nicht mehr als eine Pumpe. Und sowieso sei es nicht so wichtig, wie das Gehirn. Das wissenschaftliche Denken hat unser Herz einfach degradiert und unsere Seele davon abgetrennt. Auf sein Herz zu hören, wird sogar von vielen Menschen als naiv abgetan.

 

Neuere Forschungen

Zum Glück erhöht sich das Bewusstsein einiger Forscher immer mehr und es wurden einige Entdeckungen über das Herz gemacht, die wir uns wirklich zu Herzen nehmen sollten. So wurde zum Beispiel entdeckt, dass das Herz über 40.000 Nervenzellen hat, die ständig unseren Gesamtzustand wahrnehmen und diese Informationen an unser Gehirn senden. Eine englische Zusammenfassung von Professor Salem zu sehr interessanten Herz-Studien gibt es hier. Das bedeutet, dass das Herz ein Sinnesorgan ist – also ein Wahrnehmungsorgan. Nicht nur nebenbei, sondern in erster Linie – denn das Herz  besteht anscheinend zu ca. 60% aus Nervenzellen und nur ca. 40% Muskelzellen! Die Neuronen senden ständig Signale an unser Gehirn und berichten ihm über unseren Zustand – wie es uns geht, wie wir uns fühlen, was für Hormone wir brauchen etc. Da die meisten Menschen aber nur noch selten auf ihr Herz hören, werden die meisten Herz-Eindrücke schon gefiltert, bevor sie überhaupt bewusst wahrgenommen werden. Wenn wir uns wieder mehr mit unserem Herzen verbinden, kann unser Herz uns den Weg weisen – gemeinsam mit unserem Atem.

 

Die Bedeutung des Herzens als Wahrnehmungsorgan

Jedes Mal, wenn wir mit dem Herzen wahrnehmen und andere Lebewesen fühlen, dann ist das ein Akt der Liebe. In welchem Körperbereich spürst du das Gefühl der Liebe? Im Herzen, nicht wahr? Wenn du nun dein Herz bewusst öffnest – anders kannst du gar nicht mit dem Herzen wahrnehmen – eröffnest du einen großen Raum der Liebe. Dem Herzen zu lauschen und aus dem Herzen heraus zu leben führt uns immer mehr in die Liebe, in den Einklang von Körper, Geist und Seele. Und nicht zuletzt in den Einklang mit der Welt, den Menschen und der Natur. Im Herzen gibt es keine Trennung, im Herzen finden wir die ganz große Einheit. Gerade in der heutigen Zeit ist es notwendig, ein herzzentriertes Bewusstsein zu entwickeln – in dem alle Menschen aller Hautfarben, Religionen und Nationen Platz haben. Das Herz als Wahrnehmungsorgan zu stärken ist auch gleichbedeutend damit, sich mit der inneren Stimme zu verbinden. Im Herzen wissen wir, was richtig und falsch ist. Die Ursache allen Übels ist das Gefühl der Getrenntheit von uns selbst. Es ist diese Trennung von Herz und Verstand, die uns wahnsinnig macht und die falschen Entscheidungen treffen lässt. Warum vertrauen wir Menschen nicht einfach auf unser Herz? Wenn Herz und Verstand getrennt sind, dann herrschen Ängste und Manipulationen über unser Herz – mit oft fatalen folgen. Man braucht sich nur die Welt und die herzlose Politik anzuschauen. Es ist immens wichtig, dass wir Herz und Verstand befreien und lernen, freigeistig zu denken! Das Herz als Wahrnehmungsorgan zu stärken bedeutet überhaupt nicht, den Verstand zu verteufeln oder zu degradieren. Nein, der Verstand ist wunderbar, solange er das tut, wofür er geschaffen ist und sich nicht in lauter Mustern verliert. Es geht vielmehr darum, dass Herz und Verstand sich als Partner gegenseitig bereichern und unterstützen – gemeinsam sind sie richtig stark und schaffen eine bessere Welt. Für dich selbst, aber auch für alle Menschen. Im Yoga des Herzens gehen wir den Weg zurück zur Verbindung und finden den Einklang in unserem Herzen, so dass Herz und Verstand einander bereichern anstatt gegeneinander zu agieren.

 

Das Wesentliche finden wir nur mit dem Herzen

Ich möchte behaupten, nur mit unserem Herzen nehmen wir das Wahrhaftige und Wesentliche wahr. Dieser Satz des kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry sagt schon alles:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“

Wenn wir mit der unversehrten, unbefleckten Essenz unseres Herzens wahrnehmen, fühlen wir die Wahrheit. Je mehr wir unsere Emotionen, Muster, Projektionen und Konditionierungen aufgelöst haben, desto klarer sehen wir mit unserem Herzen. Im Yoga des Herzens geht es darum, wieder mehr in diesen Herzkontakt mit uns selbst zu kommen, die Schleier, die unsere Herzensklarheit verdecken, zu lüften und die sehr achtsame Yogapraxis zu nutzen, um uns mehr und mehr zu befreien und unser Herz zu weiten. Es geht dabei um nichts weniger, als in den Kontakt mit unserem Wesenskern zu kommen.

 

Übungen zur Stärkung der Wahrnehmungsfähigkeit des Herzens

Im Yoga des Herzens verbindest du dich auf`s innigste mit deinem Herzen und stärkst seine Wahrnehmungsfähigkei. Hier möchte ich dir schon mal 3 verschiedene Tools vorstellen, die du alleine, zu zweit oder in der Gruppe machen kannst.

Der Natur lauschen

  • Begib dich in die Natur. Wähle dir einen Baum eine Blume oder ein Tier aus, mit dem du in Herzenskontakt treten möchtest. Um einen freien Herzkontakt zu gewährleisten, ist es hilfreich,  auch deinen körperlichen Herzraum weit werden lassen. Wie das geht, erfährst du in meinen Seminaren. Mit zusammengezogenen Schultern und eingefallenem Brustkorb ist es schwer, mit dem Herzen wahrzunehmen und zu fühlen.
  • Betrachte Baum, Blume oder Tier, ohne ihn/sie/es zu benennen. Vergiss alles, was du darüber weisst.
  • Schaue mit deinem Herzen. Betrachte ihn/sie/es mit offenen Augen und erfühle ihn/sie/es dabei mit deinem Herzen.
  • Nimm wahr, was in deinem Herzen an Bildern/Erfahrungen/Erkenntnissen auftaucht.
  • Sobald du dich in Gedanken verlierst, führe dich sanft zurück in die reine Wahrnehmung ohne Benennung oder Analyse.

 

Supportive Listening

Für diese Übung brauchst du ein Gegenüber, dem du vertraust. Es muss klar sien, dass alles, was beim Suportive Listening geschieht, unter euch bleibt. Ihr macht vorher eine Zeit aus (und stellt euch einen Timer), in der ihr einander mit offenem Herzen zuhört. Zum Beispiel ist ist jeder von euch 20 Minuten lang Zuhörer und 20 Minuten lang Redender. In diesem achtsamen Raum des Gehört-Werdens kann mehr Klarheit und Heilung für den Redenden geschehen, während der Zuhörer die Wahrnehmungsfähigkeit seines Herzens trainiert. Ein Gewahrsein, das weder bewertet, noch Lösungen oder Ratschläge geben möchte.

  • Setz dich deinem Partner/ deiner Partnerin gegenüber.
  • Derjenige der dem anderen zuhört, lauscht ihm einfach schweigend mit offenem Herzen und ohne Bewertungen. Er hält den Raum, in dem der andere sich erfahren und eigene Erkenntnisse sammeln kann.
  • Der Redende spricht über ein Thema, das ihn gerade berührt oder ein Problem, das er hat. Dabei geht es mehr um ein Fühlen, als darüber nachdenken. Er darf alles aussprechen, was ihm „auf dem Herzen liegt“. Dabei sollte er sich allen Entlastungsreaktionen wie Weinen, Lachen, Zittern, Schütteln, Gähnen etc. widerstandslos hingeben.
  • Nach der vereinbarten Zeit wird gewechselt. Der Zuhörende wird Redner und der Redner wird Zuhörender.
  • Falls die Sitzung sehr tief ging, stelle deinem gegenüber am Ende einfache Fragen, um den Verstand wieder zu aktivieren. Frage ihn zum Beispiel, was er heute gefrühstückt hat. oder er soll 5 Dinge benennen, die er im Raum sieht.

 

Redestabkreise

Redestabkreise machst du mit mehreren Menschen (auch mit 3 Menschen ist es bereits ein Kreis). Die Regeln sind die gleichen wie beim Supportive Listening. Ihr könnt eine Begrenzung der Redezeit machen oder diese vollkommen frei lassen. Findet eine schöne Einstimmung und einen gemeinsamen Abschluss für den Kreis, zum Beispiel das Singen eines Liedes.

  • Es gibt einen „Redestab“. Das kann ein schöner Stock sein, aber auch ein Stein oder irgendein anderes Utensil.
  • Wer den Stab hat, hat die bedingungslose Aufmerksamkeit aller Anwesenden im Kreis. Er spricht aus, was er fühlt.
  • Die Zuhörenden nehmen wertfrei und mit offenem Herzen wahr, was sich der Redende von der Seele redet.
  • Der Redestab wird im Uhrzeigersinn weitergegeben. Wenn man fertig geredet hat, kann man „ho“ oder „aho“ sagen. Redekreise entspringen den indianischen Traditionen und „ho“ bedeutet in etwa“ hugh, ich habe gesprochen!“. Auch die Zuhörenden können „ho“ sagen, was soviel bedeutet wie „ich habe dich gehört“ und Anteilnahme ausdrückt.
  • Niemand ist verpflichtet, zu reden. Du kannst den Stab auch einfach eine Weile schweigend in der Hand halten und die geballte Aufmerksamkeit der anderen aushalten oder auch genießen.
  • Wichtig: Was im Kreis gesagt und gehört wird, bleibt im Kreis. Sprecht die Themen im Nachhinein nicht wieder an und gebt keine Ratschläge.

In all meinen längeren Seminaren und auf den Delfinreisen sind die Redestabkreise ein wichtiger Bestandteil. Ich glaube, dass es diesen Redekreisen zu verdanken ist, dass bisher immer eine sehr positive und wohlwollende Gruppenstimmung entstanden ist, in der sich alle Teilnehmer geborgen fühlen. Jeder darf einfach so sein, wie er ist und sich in seinem So-Sein angenommen fühlen. Besonders Im Yoga des Herzens, aber auch auf den Delfinreisen kannst du in dieses befreiende Gruppengefühl erleben. Ich danke dir von Herzen, wenn du dich auf den Weg machst, die Wahrnehmungsfähigkeit deines Herzens zu entwickeln. Denn du tust es nicht nur für dich, sondern für die ganze Menchheit. Ich bin sicher, dass dies der nächste Schritt unserer evolutionären Entwicklung ist.

Namasté!