Das Leben atmen!

Je länger ich lebe, je länger ich Yoga praktiziere und meditiere, desto mehr wird mir das Geheimnis des Lebens bewusst. Und ein bedeutender Teil dieses Geheimnisses ist der Atem. Du magst jetzt denken „ja ja, der Atem – kenn ich“. Klar kennst du deinen Atem – zumindest oberflächlich. Dein Atem begleitet dich schließlich dein gesamtes Leben lang, vom Anfang bis zum Ende. Wenn du diesen Blog liest, hast du deinen Atem sicherlich auch schon mal bewusst wahrgenommen. Dann hast du schon etwas Erfahrung darin, wie es ist, Abstand vom Alltag zu gewinnen und sich in den gegenwärtigen Raum der Meditation zu begeben.

Der Raum, der sich durch das befreite atmen öffnet, ist aber noch viel größer als wir denken. Ich beschäftige mich nun schon seit bald 20 Jahren mit dem Atem und staune, dass dieser Atem-Raum sich immer mehr vergrößert. Man könnte ja denken, je mehr man etwas begreift, desto mehr füllt man diesen Raum aus – aber nein, man begreift einfach immer mehr, wie unermesslich groß dieser Raum ist. Je mehr ich mit meinem Atem im innigen Kontakt bin, desto mehr begreife ich, wie die Atmung die Essenz (m)eines Lebens ist. Ich habe schon in früheren Artikel die  Physiologie der Atmung und ihre Bedeutung für unsere Gesundheit sowie die spirituelle Bedeutung des Atems thematisiert.

Durch den Atem betreten wir gewissermaßen den Anfang der Unendlichkeit. Im Gegensatz dazu steht unser doch so oft eingeengter Alltag, in dem wir uns nicht selten im Hamsterrad von To-Dos befinden. Dabei vergessen wir permanent das Geschenk unseres Atems. Wie wäre es also, wenn wir in unserem Alltag mehr Atem-Räume schaffen? Das ist nämlich die Grundlage, um in ein Lebensgefühl mit „Flow“- Zustand zu kommen. Jener Zustand, in dem wir frei im Fluss des Lebens fließen.

 

Leben und Atem sind eins

Das Leben und Atem untrennbar miteinander verbunden sind, ist ja schon auf materieller Ebene ganz klar. Wir können unter Umständen mehrere Monate lang ohne Nahrung leben, selbst bis zu einer Woche ohne Wasser. Aber ohne den Atem sind wir nach spätestens 10 Minuten tot. Nur der Weltrekord beim Apnoe-Tauchen soll bei unglaublichen 24 Minuten liegen. Ausnahmen gibt es also immer.

Die Bedeutung des Atems für unsere Gesundheit und unser physisches Leben habe ich in diesem Artikel beschrieben. Dort findest du auch eine Einführung in die Physiologie und Anatomie der Atmung.

Die Verbundenheit des Atems mit dem Leben geht aber noch viel tiefer. Ich habe ja schon einmal geschrieben, wie unser Atem unser Guru sein kann. Heute möchte ich ein wenig mehr das Flow-Thema des Atems beleuchten.

Wie ich in besagtem Artikel schon beschrieben habe, verbindet dich dein Atem mit deinem ganzen Sein und sogar der Quelle des Lebens. Deine innere Befreiung sowie die Befreiung deines Atems liegt in deinem lebendigen Fließen mit dem Leben. Im Atem findest du das pure Leben, das du voll und ganz annehmen oder dich ihm verweigern kannst. Beides hat Auswirkungen auf deine Gesundheit. Dass die Gesundheit die Grundlage für ein gutes Lebensgefühl ist, wird einem oft erst klar, wenn man krank ist.  80% aller Krankheiten haben mit einer mangelhaften Atmung zu tun.

Dein Atem ist ein wunderbarer Anzeiger dafür, ob du gerade mit dem Leben fließt, oder dich ihm entgegenstellst.

 

Mit dem Leben fließen

Wenn es also so ist, dass Leben und Atem eins sind, wirkt sich unser Lebensgefühl unmittelbar auf den Atem aus und unser Atem auf unser Lebensgefühl. Das kann jeder Mensch selbst erfahren, wenn er einen Moment innehält und seinen Atem wahrnimmt und dabei auch, wie er sich gerade fühlt. Eine regelmäßige Meditationspraxis hilft uns, auch im Alltag immer mal wieder innezuhalten und wahrzunehmen:

  • Wie fühle ich mich gerade?
  • Wie fließt mein Atem? Fließt er frei oder halte ich ihn unbewusst fest?
  • Kann ich jezt tief durchatmen und meinen Atem wieder freier und tiefer fließen lassen?

Du wirst selbst bemerken, wie dein Atem und das Lebensgefühl des Flows zusammenhängen. Nun gilt es, herauszufinden, was deinen Atem blockieren lässt.

Je früher du bemerkst, dass du nicht mehr im Atem-Flow bist, desto besser. Deswegen empfehle ich dir die App „Mindbell“, die dich immer wieder mit einem sanften Klangschalenton an die Wahrnehmung deines Atems erinnern kann.

 

Im Alltag zur Ruhe finden

Zu oft sind wir im Hamsterrad unseres Tuns im Alltag gefangen. Zu oft spüren wir uns nicht mehr und verdrängen, was wir eigentlich fühlen oder erkennen sollten. Wir merken gar nicht, wie diese Dinge, die wir ins Unterbewusstsein verdrängen, uns das Leben schwer machen.

Oft fällt uns das erst auf, wenn wir unseren Atem wahrnehmen oder uns bewusst Zeit einräumen um zu meditieren. Dann tauchen wir in den gegenwärtigen Moment ein und merken erst, wie gut es tut, diesen Abstand vom Alltag zu gewinnen.

Plötzlich wird uns vieles klarer, wir spüren uns mehr und wissen ganz genau, was zu tun oder zu lassen ist. Und das nur, weil wir uns mit uns selbst, unserem Atem und unserer inneren Stimme verbinden! Denn all das ist im Grunde eins.

Im Hier und Jetzt des Atemflusses liegt alles für uns bereit, hier wartet die wahre Freiheit auf uns. Hier finden wir zur Befreiung von Gedanken, Konditionierungen, (Verhaltens-) Mustern, unangenehmen Gefühlen und Verstrickungen.

Dabei hilft es ungemein, einfach mal tief durchzuatmen und der Stimme und dem Körper freies Spiel zu lassen. Dadurch finden wir mehr und mehr in unseren Flow.

 

Ein tiefer Atemzug wirkt Wunder

Eigentlich geschieht es automatisch: Wir werden uns unseres stockenden oder flachen Atems bewusst – und gleich kommt ein tiefer, befreiender Atemzug. Wenn das bei dir nicht der Fall ist, ist das ein Zeichen dafür, dass dein Atem schon sehr blockiert ist. Dann darfst du deinen Atem sanft dazu einladen, sich mehr Raum zu nehmen und vor allem mit dem Ausatem alles loszulassen, was dich blockiert.

Jeder neue Atemzug kann dir eine neue Welt eröffnen. Jeder Ausatem ist ein Loslassen, ein kleines Sterben. Jeder Einatmen ist ein Neugeborenwerden. Leben ist Werden und Vergehen, in diesem rhythmischen Fließen spielt sich das ganze Leben ab.

Manchmal ist es sehr erstaunlich, wie sich unsere Sicht auf die Dinge verwandelt, nur weil wir mal tief durchgeatmet haben. Wenn unsere Gedanken klein und auf eine Sichtweise fixiert sind, engt das auch unseren Atem ein. Wenn wir dann einmal tief durchatmen, kann sich dabei auch unsere Sichtweise erweitern. Genauso können wir aber auch eine übergeordnete Sichtweise auf die Dinge einnehmen – und schon fließt unser Atem freier.

Ebenso ist es mit unseren Gefühlen. Wenn wir aus Angst etwas nicht fühlen wollen, blockieren wir damit unsere Atemräume, die sich unmittelbar verspannen. Wenn wir dann aber tief durchatmen und den Atem frei fließen lassen, können auch die Gefühle fließen. In unserer Gesellschaft ist es leider nicht leicht, seinen Gefühlen freien Raum zu geben und zum Beispiel auch mal in der Öffentlichkeit zu weinen. Aber es würde uns sehr gut tun und wir hätten viel weniger Probleme. Wir wären einfach freier und glücklicher und würden mehr im Einklang mit dem Leben fließen.

Genauso wie es eine Wechselbeziehung zwischen Atmung und Gedanken gibt, gibt es auch eine zwischen Atmung und Gefühlen. Eine aufrechtere Körperhaltung, die unserem Atem mehr Raum gibt, wirkt sich positiv auf unser Gefühlsleben aus – und wir haben vielleicht gar keinen Grund mehr, traurig zu sein.

 

Mut zum Flow

Du kannst nur mit dem Leben fließen, wenn du dich ganz darauf einlässt. Mit allen Höhen und Tiefen, mit glücklichen und schmerzlichen Gefühlen (lies dazu auch diesen Artikel: https://om-site.com/gefuehle-zulassen). Sicher ist im Leben nur eins: nichts bleibt, wie es ist. Aber dein Atem ist immer bei dir. Dein Atem zeigt dir den Weg. er zeigt dir, wo du dich selbst blockierst und er kann dir helfen, dich daraus wieder zu befreien. Er zeigt dir auch den Weg, das Wesentliche zu sehen und zu leben. Dein Atem hilft dir, dein ureigenes Leben zu führen, so wie du es dir wünschst. Und dein Atem gibt dir die Kraft und den Mut, deinem Weg im Lebensfluss zu folgen.

 

Wie Yoga hilft

Die Essenz und die Basis des Yoga ist der Atem. Egal, welche Form von Asanas oder Meditation geübt wird: der Atem ist dabei immer miteinbezogen. Fließende Vinyasas, Flows und Kriyas werden immer im Atemrhythmus ausgeführt. In gehaltenen Asanas wird auf einen fließenden und tiefen Atem geachtet. Wir lernen im Yoga, wie der Atem uns führt, wie wir durch den Atem mehr loslassen oder mehr in unsere Kraft kommen können. Und tatsächlich: Meistens stellt sich während der Yogapraxis ein Flow-Gefühl ein. Spätestens danach fühlen wir uns entspannt und gleichzeitig energetisiert.

Für Anfänger ist es oft leichter, sich dem Atem in fließenden Flow-Bewegungen anzunähern. Perfekt dafür ist die Tigeratmung, die auch ein Hathena zur Vergrößerung des Lungenvolumens für die volle Atmung ist. Eine gute Übung, um das Flow-Gefühl im Atemrhytmus zu erleben und gleichzeitig seinen gesamten Körper zu mobilisieren ist Chakra Vakasana. Klicke einfach auf die Links und du gelangst zu den jeweiligen Übungen.

Im speziellen Atem-Yoga nähern wir uns vertieft der Basis eines befreiten Atems. Wir schaffen eine innige Verbindung zum Atem und befreien die Atemräume. Denn wie möchtest du überhaupt tief atmen können, wenn deine Atemmuskulatur verspannt ist? Hatha-Yoga und Faszien-Yoga bieten hier gute Techniken (z.B. die Hathenas), um verspannte oder geschwächte Atemstrukturen zu befreien und zu stärken.

Immer wieder mal biete ich Workshops und Seminare speziell zu diesem Thema an (das nächste Wochenendseminar findet vom 1.-3. Februar 2019 statt!) . Es bildet natürlich auch die Basis für meinen Yoga des Herzens (verpasse nicht das Sommer-Retreat!). Da der Atem die Basis für jedes Yoga und Meditation ist, spielt er in allen meinen Seminaren und Reisen eine wichtige Rolle. Perfekt und eine absolute Traumreise ist natürlich die Yoga-Delfinreise, bei der wir durch dass Schnorcheln im Grunde den ganzen Tag lang mit unserem Atem in Verbindung sind.

Mein Tipp für heute: Achte doch mal verstärkt auf deine Atmung in verschiedenen Situationen deines Alltags.

Namasté!